Phasen der Trauer: Was die Forschung sagt und was nach dem Tod der Mutter hilft

Gibt es die 5 Phasen der Trauer? Was die Forschung sagt, was nach dem Tod der Mutter hilft und wann du dir professionelle Hilfe holst.

Von 11 Min. Lesezeit11.10.2026

Inhalt

    Kurz gesagt: Die „5 Phasen der Trauer“ geben vielen Menschen Worte für das, was sie fühlen. Die Forschung zeigt aber: Diese Gefühle kommen meist nicht in fester Reihenfolge [1][5]. Die meisten pendeln zwischen Vermissen und Alltag, und mit der Zeit wird es leichter [2][3]. Wenn die Trauer nicht leichter wird oder es dir sehr schlecht geht, sind Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen die richtige Adresse. Im Notfall: 112 oder die Telefonseelsorge 142.

    Drei Wochen nach der Beerdigung. Im Supermarkt stehst du vor dem Kaffee, den deine Mama immer gekauft hat, und plötzlich laufen dir die Tränen. Am Abend davor hast du mit Freunden gelacht und dich danach gefragt, ob das in Ordnung war.

    Beides ist Trauer. Beides ist in Ordnung.

    Was ist dran an den Phasen der Trauer?

    Die Phasen beschreiben Gefühle, die viele Trauernde kennen: Unglauben, Wut, Verhandeln, Traurigkeit und Annehmen. Sie gehen auf Elisabeth Kübler-Ross zurück, die 1969 über schwer kranke Menschen schrieb, und haben vielen geholfen, offener über Tod und Trauer zu sprechen. Als feste Reihenfolge, die alle Trauernden durchlaufen, sind sie aber nicht belegt [1].

    In einer Studie mit 233 Trauernden kamen die bekannten Gefühle alle vor. Annehmen war aber von Anfang an die häufigste Reaktion, und am meisten belastete die Sehnsucht nach dem Menschen [5]. Gefühle kommen und gehen, oft kreuz und quer.

    Deshalb das Wichtigste vorweg: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Wenn sich deine Trauer anders anfühlt als in einem Modell, trauerst du nicht falsch [1].

    Wie verläuft Trauer?

    Trauer verläuft eher wie ein Pendel. Mal bist du ganz beim Verlust: Du weinst, erinnerst dich, vermisst sie. Mal bist du im Alltag: Du regelst Dinge, arbeitest, lachst, lenkst dich ab. Die Forschung nennt das Dual-Prozess-Modell [3]. Beides gehört dazu, auch die Pausen vom Trauern.

    Pendeln statt Stufen Links eine durchgestrichene Treppe mit fünf Stufen, so wird Trauer oft beschrieben. Rechts eine Wellenlinie, die zwischen Vermissen oben und Alltag unten hin- und herpendelt und mit der Zeit öfter im Alltag liegt, mit Pausen dazwischen. Pendeln statt Stufen Trauer hat keine feste Reihenfolge. Sie geht hin und her, und mit der Zeit wird mehr Platz für den Alltag. So oft erklärt 5 Phasen in fester Reihenfolge:für Trauernde nicht belegt Eher so Vermissen weinen, erinnern, an sie denken Alltag Dinge regeln, arbeiten, lachen, Pausen kurz nach dem Tod Monate später Nach dem Dual-Prozess-Modell von Stroebe & Schut (1999), vereinfacht

    Mit der Zeit verschiebt sich das Gewicht meistens Richtung Alltag. In einer Studie mit 145 verwitweten Menschen hatten jene weniger Trauerbeschwerden, bei denen das mit der Zeit passierte [6].

    Die meisten Menschen kommen mit einem Verlust besser zurecht, als sie es selbst erwarten. Über zwölf Langzeitstudien hinweg blieben im Schnitt rund 55 % der Trauernden stabil, rund 33 % erholten sich nach einer schweren Zeit, und rund 10 % blieben lange in starker Trauer [2]. Für diese Menschen ist professionelle Hilfe wichtig. Mehr dazu weiter unten.

    Wie lange dauert Trauer?

    Für Trauer gibt es keine Frist. Bei vielen werden die stärksten Gefühle im Lauf der ersten Monate schwächer [5]. Jahrestage, Geburtstage und Feiertage können sie später wieder hochholen, auch noch im zweiten Jahr [7]. Das ist kein Rückschritt.

    Fachleute sprechen von einer anhaltenden Trauerstörung, wenn sehr starke Sehnsucht oder ständiges Kreisen um den verstorbenen Menschen länger als sechs Monate anhält und den Alltag deutlich einschränkt [8]. Dann hilft eine Behandlung gut.

    Was ist anders, wenn die Mutter stirbt?

    Mit der Mutter verlierst du oft mehr als einen Menschen: eine Rolle, einen Ort, an den du zurückkehren konntest, manchmal den Mittelpunkt der Familie. Solche Folgeverluste kommen auch dann dazu, wenn sie alt war und ihr Tod erwartbar [9].

    In deutschen Langzeitdaten mit 2.760 Erwachsenen sank die Lebenszufriedenheit am stärksten bei Töchtern, die ihre Mutter verloren, und stärker, je jünger sie dabei waren [10]. In einer Befragung von 2.735 Töchtern war es schwerer, wenn die Mutter überraschend starb, wenn die Tochter sie vorher gepflegt hatte oder sehr von ihr abhängig war [11].

    Was Töchtern half: eine Verbindung zur Mutter, die sich sicher anfühlt, Gefühle ausdrücken, Ablenkung, andere Menschen und kleine Erfolgserlebnisse [12]. Zu Söhnen gibt es dazu weniger Forschung. Vieles davon gilt aber für alle.

    Was hilft nach dem Tod der Mutter?

    Am meisten hilft, was dich mit dem Alltag und mit anderen Menschen verbunden hält: ein paar feste Abläufe, Menschen, die nachfragen, Wege, mit deiner Mama verbunden zu bleiben, und Begleitung, wenn du sie brauchst. Wer nach einem Verlust weiter am Alltag und an Beziehungen teilnimmt, kommt eher gut durch [13].

    1. Erlaub dir das Pendeln. Trauer-Zeit und Alltag-Zeit haben beide Platz. Ein Abend, an dem du lachst, ist kein Verrat an ihr.
    2. Halt ein paar kleine Abläufe. Aufstehen, etwas essen, ein kurzer Spaziergang. Nichts Großes, nur etwas, das trägt.
    3. Sag konkret, was dir hilft. Viele wollen helfen und wissen nicht wie. „Ruf mich sonntags an“ oder „Komm einfach vorbei“ macht es leichter.
    4. Bleib mit ihr verbunden. Koch ihr Rezept, hör ihr Lieblingslied, gib einem Foto einen Platz, frag dich: Was würde sie jetzt sagen? Eine solche innere Verbindung hängt eher mit gutem Zurechtkommen zusammen [14]. Wenn Erinnerungen gerade mehr wehtun als trösten, ist auch das normal [15].
    5. Schreib ihr einen Brief. Wie das geht, steht im nächsten Abschnitt.
    6. Plan die schweren Tage vor. Geburtstag, Muttertag, Weihnachten, Todestag: Überleg vorher, mit wem und wie du den Tag verbringst.
    7. Hol dir Begleitung. Trauergruppen, Trauerbegleitung und Psychotherapie sind für alle da, nicht erst, wenn gar nichts mehr geht. Adressen findest du unten.

    Hilft es, einen Brief an die verstorbene Mutter zu schreiben?

    Für viele ja, als Weg, Unausgesprochenes zu sagen und verbunden zu bleiben. In der Trauerbegleitung und in der Psychotherapie sind Briefe an Verstorbene ein bewährtes Werkzeug [16]. Studien zeigen für das Schreiben allein eine kleine, aber messbare Wirkung [17]. Es kann ein Gespräch gut ergänzen, ersetzt es aber nicht.

    Eine Auswertung von 13 Studien fand die stärkste Wirkung, wenn mehrmals geschrieben wurde und Fachleute Rückmeldung gaben [17]. In einer großen Online-Studie mit 757 trauernden Menschen fühlten sich die Schreibenden weniger einsam und waren besser gestimmt [18].

    So kannst du anfangen:

    1. Nimm dir 15 Minuten, ein Blatt Papier und einen ruhigen Ort.
    2. Sprich sie so an, wie du sie immer angesprochen hast: „Liebe Mama“.
    3. Nimm einen Satzanfang von unten und schreib, was kommt. Auch Wut, Unfertiges und Durchgestrichenes.
    4. Hör auf, wenn es zu viel wird. Du kannst jederzeit später weiterschreiben.
    5. Was du mit dem Brief machst, entscheidest du: aufheben, ans Grab bringen, verbrennen, niemandem zeigen. Oder du nimmst ihn mit zu einem Gespräch in der Trauerbegleitung.

    Satzanfänge:

    • „Liebe Mama, heute …“
    • „Was ich dir noch sagen wollte: …“
    • „Am meisten vermisse ich …“
    • „Von dir habe ich …“
    • „Heute habe ich an dich gedacht, als …“
    • „Was ich von dir weitertrage: …“

    Mehr zum Schreiben an dich selbst: Brief an mich selbst schreiben.

    Wann du dir professionelle Hilfe holst

    Hol dir Hilfe bei einer Ärztin, einem Arzt oder in der Psychotherapie, wenn die Trauer nach Monaten nicht leichter wird oder dich im Alltag stark einschränkt. Das betrifft etwa jede zehnte trauernde Person nach einem natürlichen Tod [4]. In einer deutschen Bevölkerungsstudie waren es rund 4 % der Trauernden [19]. Hilfe holen ist kein Zeichen von Schwäche.

    Anzeichen, bei denen sich ein Termin lohnt:

    • Es wird nach Monaten nicht leichter, sondern bleibt gleich schwer oder wird schwerer.
    • Du kommst kaum zur Arbeit oder durch den Tag.
    • Du ziehst dich von allen zurück.
    • Schlaf oder Essen sind über Wochen stark durcheinander.
    • Du brauchst Alkohol, Tabletten oder anderes, um es auszuhalten.

    Ein guter erster Schritt ist deine Hausärztin oder dein Hausarzt. Bei starker, anhaltender Trauer hilft Psychotherapie nachweislich, besonders die kognitive Verhaltenstherapie [20][21].

    Im Notfall sofort: Wenn du merkst, dass du nicht mehr leben magst, oder Gedanken hast, dir etwas anzutun, ruf gleich an: Notruf 112 oder die Telefonseelsorge. Damit bleibst du nicht allein.

    Hilfe in Österreich, Deutschland und der Schweiz

    Notfall: Notruf 112 · Rettung in Österreich 144

    Österreich: Telefonseelsorge 142, rund um die Uhr, kostenlos · Rat auf Draht 147 für Kinder und Jugendliche

    Wien: Kontaktstelle Trauer der Caritas, 01 51 552 3099, kontaktstelletrauer@caritas-wien.at. Einzelgespräche, Trauergruppen, Trauercafé.

    Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr, kostenlos

    Schweiz: Die Dargebotene Hand 143

    Auch Hospizvereine bieten in vielen Regionen Trauergruppen und Einzelgespräche an. Deine Hausärztin oder dein Hausarzt kennt Angebote und Psychotherapeut:innen in deiner Nähe.

    Häufige Fragen

    Ist es normal, dass ich nach dem Tod meiner Mutter kaum weinen kann?
    Ja. Menschen trauern sehr unterschiedlich, und viele bleiben nach einem Verlust erstaunlich stabil [2][22]. Das sagt nichts darüber, wie sehr du sie geliebt hast.

    Darf ich lachen und mich freuen, obwohl sie gestorben ist?
    Ja. Zeiten im Alltag, auch fröhliche, gehören zur Trauer dazu. Genau dieses Hin und Her beschreibt das Dual-Prozess-Modell [3].

    Ist es normal, ihre Stimme zu hören oder sie kurz zu sehen?
    Viele Trauernde erleben so etwas, und für manche ist es tröstlich. Wenn es dich ängstigt oder belastet, sprich mit jemandem darüber, mit deiner Hausärztin, deinem Hausarzt, in der Trauerbegleitung oder bei der Telefonseelsorge [14][15].

    Wann wird es leichter?
    Dafür gibt es keinen Zeitplan. Bei den meisten wird es im Lauf der Monate leichter, mit Wellen an besonderen Tagen [2][7]. Wenn es nach Monaten gar nicht leichter wird, hol dir Unterstützung.

    Was sage ich jemandem, dessen Mutter gestorben ist?
    Ein einfaches „Es tut mir so leid. Ich denke an dich“ reicht. Biete etwas Konkretes an, zum Beispiel Essen vorbeibringen oder einen Spaziergang. Und frag nach ihr: „Wie war deine Mama?“ Viele erzählen gern.

    Quellen

    [1] Stroebe, M., Schut, H. & Boerner, K. (2017). Cautioning health-care professionals: Bereaved persons are misguided through the stages of grief. Omega. https://doi.org/10.1177/0030222817691870
    [2] Eisma, M. u. a. (2026). Trajectories of grief following bereavement: a systematic review. Anxiety, Stress, & Coping. https://doi.org/10.1080/10615806.2026.2705416
    [3] Stroebe, M. & Schut, H. (1999). The dual process model of coping with bereavement: rationale and description. Death Studies. https://doi.org/10.1080/074811899201046
    [4] Lundorff, M. u. a. (2017). Prevalence of prolonged grief disorder in adult bereavement: A systematic review and meta-analysis. Journal of Affective Disorders. https://doi.org/10.1016/j.jad.2017.01.030
    [5] Maciejewski, P. u. a. (2007). An empirical examination of the stage theory of grief. JAMA. https://doi.org/10.1001/jama.297.7.716
    [6] Lundorff, M. u. a. (2019). How do loss- and restoration-oriented coping change across time? Anxiety, Stress, & Coping. https://doi.org/10.1080/10615806.2019.1587751
    [7] Holland, J. & Neimeyer, R. (2010). An examination of stage theory of grief among individuals bereaved by natural and violent causes. Omega. https://doi.org/10.2190/OM.61.2.b
    [8] Szuhany, K. u. a. (2021). Prolonged Grief Disorder: Course, Diagnosis, Assessment, and Treatment. Focus. Über PubMed. https://doi.org/10.1176/appi.focus.20200052
    [9] Chan, W. u. a. (2025). Grieving the loss of parents: A qualitative study of bereaved adult children who received professional support. Death Studies. https://doi.org/10.1080/07481187.2025.2513986
    [10] Leopold, T. & Lechner, C. (2015). Parents' death and adult well-being: Gender, age, and adaptation to filial bereavement. Journal of Marriage and Family. https://doi.org/10.1111/jomf.12186
    [11] Bowring, J. u. a. (2025). Biopsychosocial impacts of mother loss on daughters in Australia. Death Studies. https://doi.org/10.1080/07481187.2025.2491571
    [12] Bowring, J. u. a. (2024). Daughter adjustment to life following the death of their mother: Scoping review. Journal of Loss and Trauma. https://doi.org/10.1080/15325024.2024.2402379
    [13] Infurna, F. & Luthar, S. (2016). The multidimensional nature of resilience to spousal loss. Journal of Personality and Social Psychology. https://doi.org/10.1037/pspp0000095
    [14] Field, N. & Filanosky, C. (2009). Continuing bonds, risk factors for complicated grief, and adjustment to bereavement. Death Studies. https://doi.org/10.1080/07481180903372269
    [15] Hewson, H. u. a. (2023). The impact of continuing bonds following bereavement: A systematic review. Death Studies. https://doi.org/10.1080/07481187.2023.2223593
    [16] Larsen, L. (2022). Letter writing as a clinical tool in grief psychotherapy. Omega. https://doi.org/10.1177/00302228211070155
    [17] Yao, D. u. a. (2025). Expressive writing for grief: A meta-analysis of randomized controlled trials. Research on Social Work Practice. https://doi.org/10.1177/10497315251371566
    [18] van der Houwen, K. u. a. (2010). The efficacy of a brief internet-based self-help intervention for the bereaved. Behaviour Research and Therapy. https://doi.org/10.1016/j.brat.2009.12.009
    [19] Rosner, R. u. a. (2021). Prevalence of prolonged grief disorder. Journal of Affective Disorders. https://doi.org/10.1016/j.jad.2021.03.058
    [20] Komischke-Konnerup, K. u. a. (2024). Grief-focused cognitive behavioral therapies for prolonged grief symptoms: A systematic review and meta-analysis. Journal of Consulting and Clinical Psychology. https://doi.org/10.1037/ccp0000884
    [21] Ahluwalia, S. u. a. (2026). Care of bereaved persons: A systematic review. Annals of Internal Medicine. https://doi.org/10.7326/annals-24-03679
    [22] Bonanno, G. u. a. (2002). Resilience to loss and chronic grief: a prospective study from preloss to 18-months postloss. Journal of Personality and Social Psychology. https://doi.org/10.1037/0022-3514.83.5.1150

    Von Alexander C. Hager, Gründer von Magnetic Habits · Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2026

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